Archive for the ‘Buchbesprechung’ Category

Offener Brief an Thor Kunkel

Mai 4, 2011

Der offene Brief genießt einen schlechten Ruf. Meist wird er benutzt, den Empfänger zu diffamieren oder, positiv gesprochen, mit peinlichen Aussagen zu konfrontieren und dabei die Öffentlichkeit als Zeugen anzurufen. So ist es in diesem Falle nicht gemeint. Auf der offiziellen Seite des Autors ist keine Kontaktmöglichkeit angegeben, was ja auch bei Personen größeren öffentlichen Interesses nicht ungewöhnlich ist. Nun könnte ich freilich über Verlage und Zeitschriften oder andere Mittelsmänner einen Kontakt herstellen. Aber ich unterlasse diesen Aufwand, da ich mir sage, daß öffentliches Interesse nicht nur an der Person des Autors besteht, sondern ebenso an den Sachverhalten, die ich mit ihm zu diskutieren wünsche. Insofern nehme ich die Einschränkung als Wink. Vielleicht liest das jemand in der Umgebung Herrn Kunkels und weist ihn darauf hin, daß ich gern mit ihm korrespondieren würde.

In meinem Verlag erscheint seit jüngstem eine Literaturzeitschrift mit dem Titel „Das Lindenblatt“. Da in dieser Zeitschrift auch Buchbesprechungen enthalten sind, erhalte ich seit einer Zeit Neuerscheinungen deutscher Verlage. Dies bringt es mit sich, daß ich als einer, der literarisch eher in anderen Zeiten zuhause ist, meine Lesegewohnheiten umstelle. Nun habe ich gestern und heute den neuen Roman von Thor Kunkel mit dem Titel „Subs“ gelesen und mir sodann die im Netz zugänglichen Informationen über den Autor verschafft.
Die aktuelle Ausgabe des „Lindenblattes“ ist gerade im Druck, es wird also eine Weile dauern, bis die Besprechung erscheint. Ich will dieser nicht vorgreifen. Ich skizziere hier nur ein paar Aussagen des Romans, um meine Schlußfolgerungen zu veranschaulichen.

Die Handlung spielt im Berliner Nobel-Bezirk Grunewald und zeitweilig in New York City und in Monte Carlo. Im Mittelpunkt steht ein Ehepaar um die dreißig, er Gesichtschirurg, sie Rechtsanwältin. Über die gesellschaftlichen Verhältnisse, bei denen sich beide als Gewinner einstufen, hat er nur sarkastische Verachtung übrig, sie versucht sich als Anwältin sozial zu engagieren. Kennengelernt haben sich die beiden im Urlaub auf Goa, wo wie Mutter des Mannes geblieben ist und, wie sich nach ihrem Tode herausstellt, ein Kiffer-Hotel betreibt. Zur gleichen Gesellschaftsschicht zählt ein Richter, der auch der Mentor der jungen Rechtsanwältin ist, die Kollegen des Gesichtschirurgen sowie ein Banker und ein Taxator einer Heuschrecken-Firma, die hypthekenbelastete Grundstücke einkassiert. Alle anderen Figuren gehören zum sog. Prekariat: ein arbeitsloser Altphilologe, der sich mit seiner Tochter zum Sklavendienst anbietet, die Schwester der Ehefrau, die in New York alleinerziehende Mutter ist, von der Stütze lebt und sich mit Ladendiebstählen über Wasser hält, Prostituiere und Zuhälter und eine Schar illegaler Fremdarbeiter aus Rumänien. Außerhalb dieser Konstellation steht nur die Mutter des Mannes, bei der bis zu ihrem Tode wirtschaftliche Aspekte hinter esoterischen Weisheiten verborgen bleiben.
Ein Bauer, ein Handwerker, ja überhaupt Leute, die etwas produktives in Wirtschaft und Gesellschaft leisten, kommen in diesem Buch nicht vor. Es gibt hier nur die Snobs und die ohnmächtig Schuftenden, es gibt die Angst vor dem Absturz, aber den Versuch eines Aufstieges bei der Tochter des Altphilologen.
Die Personalauswahl führt bereits zwingend zum Thema: der Sklaverei. Die antike Sklaverei, bei der wir zuerst an Babylon, Athen, Rom und Alexandria denken, zeigt uns ja bereits großstädtische Zivilisation und einen Reichtum, der von den Bedingungen seines Zustandekommens nur noch eine ungefähre Vorstellung hat. Ebenso ist hier, wie im Buch, die Überzeugung allgemein, neben der Gelde bestünde nur der Lustwert des Körpers. Es ist zwar nicht selten von der Religion die Rede, aber auch diese steht im Dienste materieller Herschaftsverhältnisse und dem Streben nach Lust.
Die interessanteste Figur ist der Altphilologe, der nach einem Scheitern als Hotelier zum Apologeten einer neuen Sklavenhaltergesellschaft wird. Seinen Argumenten, man könne, wenn man die Heuchelei von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit fallen ließe, viel humanere Lebensbedingungen schaffen, kann man sich nur schwer entziehen. Deutlich wird an dieser Figur, daß sie zugleich Sklave und Sklavenhalter ist, er liefert sich als Haussklave den Herrschaften aus und herrscht gleichzeitig despotisch als Prokurator über die rumänischen Wanderarbeiter.
Allerdings besteht diese Ambivalenz auch für die Herrschaften. Sie sind auch Sklaven der Verhältnisse, aber auch ihrer Verwöhntheiten und Marotten. Freiheit kann für sie nur Urlaub oder Aussteigen bedeuten, und so fliegen sie dann auch am Ende nach Goa, um dort das Erbe anzutreten.
Es ist ein Verdienst des Buches Sklaverei als Sklaverei zu benennen und auch zu zeigen, daß das Fehlen von Gewalt, das offenbar freiwillige Fügen der Sklaven in ihre Rolle nicht etwa eine Humanisierung, sondern eine teufliche Hinterlist bedeutet.

Aber in diesem Panorama der Knechtschaft leuchtet nirgendwo ein Glühwürmchen der Freiheit. Sicher kann diese nicht heißen, daß die Baukolonne die Villenbesitzer totschlägt und die Sauna wie das Schlafzimmer vergemeinschaftet. Aus einer knechtischen Natur kann niemals Freiheit erwachsen, sie erhalte so viele Geld und Macht wie auch immer. Die Freiheit kommt ganz anderswoher.
Ein Schlüsselsatz in dem Buch lautet, ich zitiere sinngemäß, daß gesagt wird, es sei mit der Freiheit wie mit dem lieben Gott. Wer nie von dieser (an dieser Stelle steht auch noch ein abschätziges Attribut) Idee gehört habe, würde auch nichts vermissen.
In der antiken Welt und bei den Naturvölkern verschwindet das Abstraktum der Freiheit ganz hinter dem Konkretum des Freien. Ein Freier ist, wer sich und die seinen ernähren und verteidigen kann. Wer dies nicht kann oder die damit verbundenen Lasten scheut, begibt sich als Knecht in den Dienst eines Freien oder eines anderen Knechtes. In dieser Welt ist Knechtschaft an sich nichts Verächtliches. Wer einem hohen Herrn dient, dünkt sich einem armen Freien haushoch überlegen. In der Tat waren im späten Rom die wohlhabendsten und politisch einflußreichsten Männer Sklaven.
Die ärgste Verzeichnung der Freiheit stellt es dar, wenn man sie in irgendeine Relation zum Wohlstand stellt. Natürlich ist ein Verhungernder unfrei. Aber diese Frage stellt sich in der westlichen Welt nicht. Um seinen Kalorienbedarf zu decken, genügen weit weniger Euro am Tag, als sie Herr Hartz seinen Knechten zubilligt.
Doch ich will nicht vorgreifen. Eine entscheidende Wandlung gewinnt der Freiheitsbegriff im Christentum. Schon weil Gott den Menschen nach seinem Bilde schafft, aber noch verstärkt dadurch, daß der Heiland zur Erlösung aller Menschen stirbt, ist jede Seele zur Freiheit berufen. Freilich heißt es auch unmißverständlich: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Nachdem die Germanen die römische Welt übernehmen, entsteht eine Welt, die im Gegensatz zum antiken Sklaventum ganz wesentlich vom freien Bauern geprägt ist. Natürlich ist das Leben der mittelalterlichen Bauern hart. Sie haben Abgaben zu leisten und ihre Äcker wurden von Jagden und Kriegen verheert. Dennoch glaube ich, daß diese menschlichen Zumutungen weit hinter den natürlichen zurückstehen. Hungernöte kommen durch Klimaveränderungen und Mißernten, die Pest ist letztlich das Naturereignis, daß die mittelalterliche Welt verheert. Ob die kleine Eiszeit mehr zur Reformation beitrug als der Bau des Petersdoms wird wohl nicht mehr zu entscheiden sein. Auf jeden Fall bleibt es Kennzeichen des Freien, daß er Gott untersteht, nicht dem Egoismus einer Privatperson oder gar den Zwängen einer anonymisieren und bürokratisierten Kaste. Über neunzig Prozent der Einwohner Mitteleuropas besaßen im Mittelalter Eigentum an Produktionsmitteln, um diesen marxistischen Terminius zu verwenden. Sie waren keineswegs passive Figuren auf dem Schachbrett der Mächtigen. Heute hingegen ist die Menge der Freien derart winzig, daß man den Begriff der Freiheit mit völlig abwegigen Inhalten füllen konnte.
Ein zweites ist hier noch nachzutragen. Neben der überkommenen Freiheit gibt es in Christentum eine weitere, die auch dem Enterbten oder wirtschaftlich Ruinierten bereitstand. Dies ist das Kloster. Der moderne Mensch mag bei diesem Wort schrill auflachen, empfindet er es doch als blanken Hohn, das Kloster als Freiheit zu preisen. Dies geschieht aber nur, weil der moderne Mensch dem Mammon und damit dem Teufel verfallen ist. Im Kloster Gehorsam zu geloben und zu üben, ist etwas völlig anderes als Knechtschaft. Man stellt sich nicht unter den Schirm eines anderen Menschen, von dem man glaubt, er sei klüger, betuchter und aussichtsreicher im Umgang mit den Wirrungen der Welt, sondern man stellt sich wie der freie Bauer direkt unter den Schirm Gottes, dessen irdische Vertretung nach katholischem Verständnis die Kirche ist. Wenn man sich in eine Bruderschaft begibt, deren Mühe allein dem Lob und Preis Gottes dient, stellt man sich außerhalb des Gesetzes von Fressen und Gefressenwerden.
Um es zusammenzufassen: Freiheit ist nicht die Abwesenheit irgendwelcher Beeiträchtungen, sondern das unmittelbare Vertrauen auf Gott. Nur der Glaube macht frei, sonst nichts.

Wenn man diesen Limes des Glaubens nicht überschreitet, bleibt alle Gesellschaftsanalyse nur Katzenjammer. Und dieser verdeckt auch die realen Möglichkeiten in der Welt. Christ sein heißt nämlich nicht nur, die grundsätzliche Heillosigkeit der Welt anzuerkennen, es heißt auch die Nachfolge des Herrn anzutreten, also entschlossen und voller Gottvertrauen den Teufel in die Schranken zu weisen. Es gibt keinen Endsieg, aber es gibt die Bewährung, es gibt das gelungene Leben inmitten der Prüfungen. Dies kann nicht heißen, daß man das schreckliche Bild der Sklaverei durch Alibihandlungen übertüncht. Es kann einzig in der Wiederaufrichtung der Freiheit bestehen. Sich frei machen von den Versuchungen der Abgründe, der Ausschweifung, der Gedankenlosigkeit, dem Suchtverhalten. Statt dessen das Produktive und Menschengemäße zu suchen. In der Liebe. In der Gemeinschaft. Beim Bauen. Beim Bestellen der Erde.

Wir gehen krassen Zeiten entgegen. Wohl dem, der vorher schon Barmherzigkeit gelernt hat.

Advertisements